VR im Enterprise Metaverse: Wie ein Niedersachsen-Ministerium agil in Virtual Reality plant

VR-Meeting im Enterprise Metaverse — agile PI-Planung, Niedersächsisches Innenministerium, Studie Uni Münster
  • Ein deutsches Ministerium hat seine agilen Quartalsplanungen (PI-Planning) in Virtual Reality abgehalten — statt per Videokonferenz. Die unabhängige Auswertung der Universität Münster zeigt: In VR bewerten Manager Agilität, Produktivität und soziale Präsenz durchgehend höher.
  • Der stärkste Einzeleffekt: +32 % beim proaktiven Ansprechen von Problemen. Wahrgenommene Agilität stieg beim ersten VR-Einsatz um durchschnittlich 26 %. Der Preis: VR-Meetings wurden als 20 % anstrengender empfunden.
  • Für den B2B-Vertrieb ist das keine VR-Kaufempfehlung. Es ist der Beweis für einen Mechanismus, den wir seit Jahren nutzen: Ein geteilter räumlicher Kontext erzeugt ein gemeinsames mentales Bild — und das macht Zusammenarbeit schneller und klarer.

Das ist ein weiterer Beitrag aus meiner Studien-Reihe. Bisher ging es fast immer um Augmented Reality im Verkaufsgespräch — das Produkt im Raum des Kunden. Diese Studie schaut aus einem anderen Winkel auf dieselbe Grundfrage: Was passiert, wenn Menschen nicht durch flache Kacheln in einer Videokonferenz, sondern in einem geteilten dreidimensionalen Raum zusammenarbeiten? Es geht diesmal um Virtual Reality und interne Zusammenarbeit — nicht um Vertrieb. Und trotzdem bestätigt sie exakt den Hebel, an dem wir bei viSales arbeiten.

PI-Planning in VR: Was das Niedersachsen-Ministerium getestet hat

Das Niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport in Hannover steuert sein Digitalisierungsprogramm nach dem Scaled Agile Framework (SAFe). Kern dieses Frameworks sind die quartalsweisen PI-Planning-Events — mehrtägige Meetings, in denen Führungskräfte und Stakeholder die Pläne für die kommenden Monate abstimmen. Wie fast überall waren diese Meetings in die Videokonferenz gewandert, mit den bekannten Nebenwirkungen: „Video-Conferencing-Fatigue” und schwächere Zusammenarbeit.

Um zu testen, ob immersive Technologie das besser kann, holte sich das Ministerium einen unabhängigen Partner ins Boot: das XRLab@MCM am Marketing Center der Universität Münster. Geleitet wurden die agilen Events vom Referatsleiter für die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung — derselbe Mann, der Deutschlands Extended-Reality-(Metaverse-)Testbed am GovTech Campus Germany verantwortet.

Über drei Quartals-PI-Plannings zwischen Juni und Dezember 2022 trafen sich die Manager als Avatare in einem geteilten 3D-„Enterprise Metaverse”: Retrospektiven, Ergebnispräsentationen, Confidence Votes — jeweils als Ersatz oder Ergänzung der bisherigen Skype-for-Business-Sessions. Die Gruppen reichten von rund zehn Personen in Breakout-Sessions bis zu Plenumsrunden mit über hundert Teilnehmern.

Zwei verknüpfte Studien liefen dabei: ein Längsschnitt-Vergleich eines reinen Videokonferenz-Events (Juni, 125 Manager) mit einem Teil-VR-Event (September, 44 Manager in VR) — und eine Between-Subjects-Session im Dezember, in der sich 105 Manager für dieselbe 45-minütige Retrospektive auf VR und Videokonferenz aufteilten.

Hardware und Software: Pico Neo 3 und die Arthur-Plattform

Bewusst nüchtern betrachtet: Zum Einsatz kamen Standalone-Headsets vom Typ Pico Neo 3, mit einem optionalen 30-Minuten-Onboarding zum Kennenlernen der Technik. Als Kollaborations-App diente die Virtual-Collaboration-Plattform Arthur — ein angepasster virtueller Raum mit räumlichem Audio, geteilten Whiteboards und Notizen. Keine Highend-Spezialhardware, kein aufwendiges Setup: genau die Klasse von Geräten, die ein Team heute realistisch anschaffen kann.

Scaled Business Agility: Was die Uni Münster gemessen hat

Das Ergebnis ist bemerkenswert konsistent: Die Manager bewerteten die VR-Meetings über alle fünf Dimensionen der „Scaled Business Agility” hinweg höher als die Videokonferenz. Die wahrgenommene Agilität stieg beim ersten VR-Einsatz um durchschnittlich 26 %, in der späteren reinen VR-Session immer noch um 16 %. Den größten Einzelgewinn verzeichnete das proaktive Ansprechen von Problemen mit +32 %.

Dazu kamen weichere, aber wichtige Effekte: stärkere soziale Präsenz, mehr Spaß, mehr Komfort und eine positivere Vorfreude auf das nächste Planning-Event. Für jeden, der schon einmal ein dreitägiges Remote-Planning moderiert hat, ist das keine Kleinigkeit — Energie im Raum ist ein Produktionsfaktor.

„Die direktere Kommunikation und Zusammenarbeit könnte erklären, warum das Enterprise Metaverse als agilere Meeting-Umgebung wahrgenommen wird.”

— Aliman, Hennig-Thurau & Henke (2025), Business Horizons

Warum VR hier funktioniert — und was das mit Vertrieb zu tun hat

Die Forscher führen den Vorteil auf zwei Dinge zurück, die eine Videokonferenz strukturell nicht kann. Erstens räumliches Audio plus die Möglichkeit, sich in eine „ruhige Ecke” des virtuellen Raums zurückzuziehen und in Sub-Teams zu sprechen, ohne das Meeting zu verlassen — etwas, das das Chatraum-Modell der Videokonferenz nicht abbildet. Zweitens dreidimensionale Whiteboards und Notizen, die das Visualisieren und Verändern von Plänen erleichtern.

Und genau hier liegt die Brücke zu unserem Alltag. Der Mechanismus, den diese Studie für interne Meetings nachweist, ist derselbe, den das Journal of Marketing für den Vertrieb beschreibt: das gemeinsam geformte mentale Bild — co-created mental imagery. Ob Manager gemeinsam einen Plan im dreidimensionalen Raum verschieben oder ob Verkäufer und Einkäufer gemeinsam eine Maschine im Raum betrachten: In beiden Fällen entsteht Wert, weil beide Seiten buchstäblich dasselbe sehen — nicht zwei getrennte Bilder auf zwei Bildschirmen.

Es geht nicht um die Brille. Es geht um den geteilten Raum.

Das ist der Grund, warum ich diese Studie in die Reihe aufnehme, obwohl sie weder von AR noch von Vertrieb handelt. Sie isoliert den Hebel sauber: Sobald Menschen einen Kontext teilen statt ihn zu beschreiben, wird die Zusammenarbeit schneller und die Entscheidung klarer. Das ist die Definition von Spatial Sales Infrastructure — nur eben angewandt auf ein Ministerium statt auf ein Verkaufsgespräch.

Was Vertriebsverantwortliche daraus mitnehmen

Distanz ist kein Argument mehr gegen tiefe Zusammenarbeit. Wenn ein Ministerium 100+ Führungskräfte remote in einen geteilten Raum bringt und dabei bessere Agilitätswerte erzielt als vor Ort, dann fällt die letzte Ausrede für „das muss man persönlich machen” weg. Das deckt sich mit dem Journal-of-Marketing-Befund, dass XR-gestützte Remote-Meetings genauso gut abschneiden wie Präsenz.

Der Wert liegt im geteilten Kontext, nicht im Gadget. Räumliches Audio, die ruhige Ecke fürs Sub-Team, das 3D-Whiteboard — das sind alles Varianten desselben Prinzips: einen Kontext teilen statt ihn beschreiben. Genau das ist unsere Arbeit, ob mit AR im Verkaufsgespräch oder mit räumlichen Präsentationen.

Die Messgröße ist die Zusammenarbeit, nicht die Technik. Das Ministerium hat nicht „VR eingeführt”. Es hat gemessen, ob Planung schneller und klarer wird. Dieselbe Disziplin verfolgen wir mit der Time-to-Understanding — der Kennzahl, die wir gemeinsam mit der Ruhr-Universität Bochum entwickeln. Nicht die Immersion ist das Ziel, sondern das schnellere gemeinsame Verständnis.

Das technische Fundament, das solche geteilten Räume überhaupt interoperabel macht, ist übrigens dasselbe wie im Vertrieb: OpenUSD als universeller 3D-Standard, getragen von Apple, Nvidia, Siemens und der Alliance for OpenUSD.

Realitätscheck

Ich mache es mir nicht zu leicht. Die Studie liefert die Gegenrechnung gleich mit — und die ist wichtig.

Erstens: VR strengt an. Die unabhängige Messung durch PwC und die Universität Münster ergab, dass die VR-Meetings als 20 % anstrengender empfunden wurden als die Videokonferenz. Immersion hat einen kognitiven Preis. Wer VR alle drei Monate für ein Großevent auspackt, zahlt ihn voll.

Zweitens: der Neuheits-Effekt. Die Forscher schätzen, dass rund 40 % des Uplifts beim ersten Event ein einmaliger „Newness-Effekt” sein könnten, der sich abnutzt, sobald VR Routine wird. Der spätere reine VR-Termin lag mit +16 % denn auch deutlich unter den ersten +26 %. Das ist kein Widerspruch zum Ergebnis — aber es dämpft die Euphorie.

Drittens: die Hardware-Hürde. Standalone-Headsets, ein 30-minütiges Onboarding, Avatare — das ist ein bewusster Setup-Schritt, den jeder Teilnehmer mitgehen muss. Die tentative Kostenrechnung der Studie ist trotzdem interessant: Einmalige Headset-Anschaffung für alle Teilnehmer kostet ungefähr so viel wie ein einziges Präsenz-Planning — und spart dessen Reise-Emissionen.

Für uns bei viSales ist genau diese Hardware-Hürde der Grund, warum unsere Default-Entscheidung im Vertrieb anders aussieht: kein Headset, kein Onboarding, kein Setup im Kundengespräch. Unsere WebAR-Lösungen laufen direkt auf dem iPhone des Kunden — das Produkt steht in Sekunden im Raum, ohne App-Download. Wir erzeugen dasselbe geteilte Bild, das diese Studie in VR misst, nur ohne die Eintrittsschwelle, die im Vertrieb über Adoption oder Nicht-Adoption entscheidet. Ein mehrtägiges, wiederkehrendes internes Planning rechtfertigt die Investition in Headsets für ein festes Team; ein einmaliges Erstgespräch mit einem neuen Einkäufer tut es nicht. Immersionstiefe muss zum Anlass passen — dieselbe Task-Technology-Fit-Logik, die Jana Kopejkina in ihrer RUB-Literaturrecherche für AR herausgearbeitet hat.

„Insgesamt zeigen unsere Studien, dass Meetings im Enterprise Metaverse von den besonderen Eigenschaften der VR-Technologie profitieren können.”

— Aliman, Hennig-Thurau & Henke (2025), Business Horizons
Quellenhinweise
  • Aliman, D.N., Hennig-Thurau, T. & Henke, A. (2025). Navigating the enterprise metaverse: How virtual reality affects business agility and meeting outcomes. Business Horizons, 68(5), 575–588.
  • XRLab@MCM, Marketing Center Münster (2023). Meetings in the Enterprise Metaverse: How Virtual Reality Affects Scaled Business Agility. Working Paper.
  • Projektdossier: Lower Saxony ministry runs agile planning meetings in VR to boost team agility. XRHQ, eingereicht von Philipp Sostmann, Juni 2026.
  • Mettler, J., Lanzrath, A. & Homburg, C. (2026). Extended Reality in Business-to-Business Sales. Journal of Marketing.

Weitere Studien.

Häufige Fragen

Was hat das Niedersachsen-Ministerium in VR getestet — und mit welchem Ergebnis?

Das Niedersächsische Ministerium für Inneres und Sport hielt zwischen Juni und Dezember 2022 drei quartalsweise agile PI-Planning-Events teils in Virtual Reality ab, statt ausschließlich per Videokonferenz. Die unabhängige Auswertung des XRLab@MCM der Universität Münster ergab: Manager bewerteten die VR-Meetings über alle fünf Dimensionen der Scaled Business Agility höher. Die wahrgenommene Agilität stieg beim ersten Einsatz um durchschnittlich 26 %, das proaktive Ansprechen von Problemen sogar um 32 %.

Ist das eine Empfehlung, im B2B-Vertrieb auf VR-Brillen zu setzen?

Nein. Die Studie untersucht interne Meetings eines festen Teams, nicht den Vertrieb. Sie belegt aber einen Mechanismus, der auch für den Vertrieb gilt: Ein geteilter räumlicher Kontext erzeugt ein gemeinsames mentales Bild und macht Zusammenarbeit schneller. Für einmalige Verkaufsgespräche ist eine WebAR-Lösung ohne Headset meist der bessere Weg — dieselbe Wirkung, ohne Hardware-Hürde. Für wiederkehrende interne Planungen eines festen Teams kann sich die Investition in Headsets dagegen rechnen.

Warum schneidet VR besser ab als eine Videokonferenz?

Zwei Gründe nennt die Studie: räumliches Audio samt der Möglichkeit, sich in eine ruhige Ecke des virtuellen Raums für Sub-Team-Gespräche zurückzuziehen, ohne das Meeting zu verlassen — und dreidimensionale Whiteboards, die das Visualisieren und Verändern von Plänen erleichtern. Beides sind Varianten desselben Prinzips: einen Kontext gemeinsam erleben statt ihn beschreiben.

Was sind die Schattenseiten von VR-Meetings?

Die Studie ist ehrlich: VR-Meetings wurden als 20 % anstrengender empfunden als Videokonferenzen (gemessen von PwC und der Universität Münster). Zudem könnten rund 40 % des anfänglichen Effekts ein einmaliger Neuheits-Effekt sein, der sich mit der Routine abnutzt. Und die Standalone-Headsets samt Onboarding sind eine echte Eintrittshürde. Immersionstiefe muss deshalb zum Anlass passen.

Wie überträgt sich der Befund auf unseren Vertrieb?

Der gemeinsame Nenner heißt geteilter Kontext. Was die Studie 'soziale Präsenz' nennt und das Journal of Marketing 'co-created mental imagery', nutzen wir bei viSales im Verkaufsgespräch: das Produkt im Raum des Kunden, sichtbar für beide Seiten gleichzeitig. Der pragmatische Weg dorthin ist im Vertrieb meist WebAR auf dem Gerät, das der Kunde ohnehin in der Hand hält — nicht die VR-Brille.