Was der B2C-Handel täglich misst und warum das im B2B-Vertrieb fast nichts gilt. Überblick von David Wichtmann, RUB.

David Wichtmann, Ruhr-Universität Bochum — Kaufentscheidungsmetriken B2C vs. B2B
  • Im Online-B2C-Handel lässt sich jede Phase des Kaufprozesses präzise messen, von der ersten Impression bis zur Churn Rate. Im B2B-Vertrieb fehlt dieses Messsystem fast vollständig.
  • David Tim Wichtmann (Ruhr-Universität Bochum) hat in seiner Hausarbeit systematisch aufgearbeitet, welche Kennzahlen zu welcher Phase des Kaufentscheidungsprozesses gehören — auf Basis des Fünf-Phasen-Modells von Kotler und Keller.
  • Der Transfer auf B2B zeigt: Die Phasen existieren auch dort. Aber die Metriken fehlen — und genau das ist das Problem, das wir mit der TTU-Sommeraufgabe angehen.

Das ist Teil drei meiner TTU-RUB-Reihe: Lina Stöhr hat in Teil 1 die technologischen Grundlagen von AR eingeordnet, Jana Kopejkina in Teil 2 den Task-Technology Fit untersucht.

David Wichtmann hat für das Projektseminar von Prof. Dr. Jens Pöppelbuß und Dr. Lisa Drees (Lehrstuhl ISSE, RUB) das Fünf-Phasen-Modell nach Kotler und Keller (2016) auf seine Messbarkeit im Online-B2C-Handel untersucht und phasenbezogen die relevanten Kennzahlen zugeordnet.

Kaufentscheidungsprozess messen: Das Fünf-Phasen-Modell nach Kotler und Keller

Kotler und Keller beschreiben fünf Phasen: Problemerkennung, Informationssuche, Alternativenbewertung, Kaufentscheidung und Verhalten nach dem Kauf.

Phase 1, die Problemerkennung: Gross Page Impressions, Reach, Frequency.

Phase 2, die Informationssuche: Bounce Rate, CTR, Total Clicks.

Phase 3, die Alternativenbewertung: Verweildauer, CTR auf Produktseiten.

Phase 4, die Kaufentscheidung: Conversion Rate, CAC, ROAS.

Phase 5, das Nachkaufverhalten: Retention Rate, Churn Rate, Customer Lifetime Value, Net Promoter Score.

Das ist ein sauberer Rahmen — entstanden im Online-B2C, wo jeder Klick, jede Verweildauer, jeder Abbruch eine Spur hinterlässt.

Marketing Analytics Myopia: Warum B2B mehr messen muss

Das stärkste Konzept aus Davids Arbeit kommt von Bucko et al. (2025):

„Die Gefahr, sich nur auf einzelne Metriken zu fokussieren und dadurch ein Bild zu schaffen, welches die Komplexität des gesamten Prozesses vernachlässigt.” — Bucko et al. (2025), zitiert in Wichtmann (2026)

Im B2B-Vertrieb wirkt das besonders deutlich: Fast jedes Vertriebsteam misst ausschließlich den Abschluss. Ob das Gespräch kommunikativ funktioniert hat, wie oft dieselbe Erklärung wiederholt wurde — das misst niemand.

Wo B2C-Metriken versagen

„Komplexe Produkte im Business-to-Business Bereich erfordern grundsätzlich eine deutlich stärkere Personalisierung, da die Investitionen von Unternehmen langfristiger angelegt und mit wesentlich größeren Risiken verbunden sind.” — Kotler und Keller (2016), zitiert in Wichtmann (2026)

Im B2B-Erstgespräch gibt es keine Bounce Rate. Es gibt nur den Vertriebler, der merkt — oder nicht merkt — dass der Käufer noch nicht wirklich verstanden hat. Kein Pendant zu CTR und Conversion Rate für das persönliche Gespräch. Die Phasen sind da. Die Messbarkeit fehlt.

Time-to-Understanding: Die fehlende Kennzahl

Time-to-Understanding ist der Versuch, genau das zu bauen: eine Kennzahl für Phase 2 und 3 des B2B-Kaufprozesses. Wann versteht der Käufer das Produkt so, dass er es selbst erklären könnte?

Die gemeinsame Studie von viSales und der Ruhr-Universität Bochum setzt hier an. TTU zusammen mit Erklärungsredundanz und Missverständnisquote bildet einen Metriken-Rahmen — nicht als Click-Tracking, sondern als Messung eines Gesprächs.

Danke, David

Ich freue mich, dass David Wichtmann Teil dieser Forschungsgruppe ist. Seine Arbeit hat einen anderen Fokus als die von Lina und Jana — und genau deshalb ergänzt sie die Reihe. Bald erscheint auch Hausarbeit Nummer 4.

Weitere Studien-Beiträge & mehr zu Vertriebskommunikation.

Quellenhinweise

  • Kotler, P. und Keller, K. L. (2016). Marketing Management, 15. Aufl. Hoboken, NJ: Pearson.
  • Davis, J. A. (2018). Measuring Marketing, 3. Aufl. Boston: Walter de Gruyter.
  • Bucko, J., Pavlov, B., Pitka, T. (2025). Evaluating the effectiveness of customer behavior analysis in online sales through financial composite metrics. Journal of Marketing Analytics. https://doi.org/10.1057/s41270-025-00430-6
  • Wichtmann, D.T. (2026). Analyse des Kaufentscheidungsprozesses im Online-B2C-Handel: Metriken und Modelle. Hausarbeit, Ruhr-Universität Bochum, Lehrstuhl ISSE, Projektseminar SS 2026.
Warum fehlen belastbare Metriken für den B2B-Kaufprozess?

Der Online-B2C-Handel hat Jahrzehnte damit verbracht, jeden Klick, jede Verweildauer und jeden Abbruch messbar zu machen. Im B2B-Vertrieb fehlt dieses Messsystem fast vollständig. CRM-Systeme tracken Kontakte, Angebote und Abschlüsse — aber nicht wie oft derselbe Sachverhalt erklärt werden musste oder ob der Käufer das Produkt wirklich verstanden hat.

Was ist das Fünf-Phasen-Modell nach Kotler und Keller?

Kotler und Keller (2016) beschreiben fünf Phasen: Problemerkennung, Informationssuche, Alternativenbewertung, Kaufentscheidung und Nachkaufverhalten. David Wichtmanns Hausarbeit zeigt, welche Kennzahlen im Online-B2C-Handel jeweils greifen — Bounce Rate, CTR, Conversion Rate, CLV — und warum dieser Rahmen im B2B-Vertriebsgespräch schlicht nicht existiert.

Was bedeutet Marketing Analytics Myopia im B2B-Kontext?

Der Begriff von Bucko et al. (2025) beschreibt die Gefahr, sich nur auf einzelne Metriken zu fokussieren. Im B2B-Vertrieb misst fast jedes Team ausschließlich den Abschluss. Ob das Gespräch kommunikativ funktioniert hat, ob der Käufer das Produkt verstanden hat — das misst niemand. Marketing Analytics Myopia im B2B ist kein Datenproblem. Es ist ein konzeptionelles Problem.

Was ist Time-to-Understanding (TTU)?

TTU beschreibt, wie viele Minuten oder Gespräche ein Käufer benötigt, um ein technisches Produkt so zu verstehen, dass er es selbst erklären könnte. Die gemeinsame Studie von viSales und der RUB setzt hier an: TTU zusammen mit Erklärungsredundanz und Missverständnisquote bildet einen Metriken-Rahmen für Phase 2 und 3 des B2B-Kaufprozesses.

Welche anderen Hausarbeiten gehören zur TTU-RUB-Reihe?

Lina Stöhr (Teil 1) hat die technologischen Grundlagen von AR eingeordnet. Jana Kopejkina (Teil 2) hat den Task-Technology Fit untersucht. David Wichtmann liefert in Teil 3 den Metriken-Rahmen. Ein vierter Beitrag ist geplant.

Häufige Fragen

Warum fehlen belastbare Metriken für den B2B-Kaufprozess?

Der Online-B2C-Handel hat Jahrzehnte damit verbracht, jeden Klick, jede Verweildauer und jeden Abbruch messbar zu machen. Im B2B-Vertrieb fehlt dieses Messsystem fast vollständig. CRM-Systeme tracken Kontakte, Angebote und Abschlüsse — aber nicht wie oft derselbe Sachverhalt erklärt werden musste oder ob der Käufer das Produkt wirklich verstanden hat.

Was ist das Fünf-Phasen-Modell nach Kotler und Keller?

Kotler und Keller (2016) beschreiben fünf Phasen: Problemerkennung, Informationssuche, Alternativenbewertung, Kaufentscheidung und Nachkaufverhalten. David Wichtmanns Hausarbeit zeigt, welche Kennzahlen im Online-B2C-Handel jeweils greifen — und warum dieser Rahmen im B2B-Vertriebsgespräch schlicht nicht existiert.

Was bedeutet Marketing Analytics Myopia im B2B-Kontext?

Der Begriff von Bucko et al. (2025) beschreibt die Gefahr, sich nur auf einzelne Metriken zu fokussieren. Im B2B-Vertrieb misst fast jedes Team ausschließlich den Abschluss. Ob das Gespräch kommunikativ funktioniert hat, ob der Käufer das Produkt verstanden hat — das misst niemand.

Was ist Time-to-Understanding (TTU)?

TTU beschreibt, wie viele Minuten oder Gespräche ein Käufer benötigt, um ein technisches Produkt so zu verstehen, dass er es selbst erklären könnte. Die gemeinsame Studie von viSales und der RUB setzt hier an: TTU bildet einen Metriken-Rahmen für Phase 2 und 3 des B2B-Kaufprozesses.

Welche anderen Hausarbeiten gehören zur TTU-RUB-Reihe?

Lina Stöhr (Teil 1) hat die technologischen Grundlagen von AR eingeordnet. Jana Kopejkina (Teil 2) hat den Task-Technology Fit untersucht. David Wichtmann liefert in Teil 3 den Metriken-Rahmen. Ein vierter Beitrag ist geplant.