Wie AR Verhaltensmuster im B2B-Kaufprozess verändert — und warum Entscheidungssicherheit der entscheidende Hebel ist
- Augmented Reality verändert nicht nur, wie Informationen dargestellt werden — sie verändert, wie Menschen in B2B-Kaufprozessen miteinander interagieren und Entscheidungen vorbereiten.
- Donia Salih (Ruhr-Universität Bochum) hat in ihrer Hausarbeit untersucht, welche Verhaltensmuster in organisationalen Kaufprozessen auftreten — und wie AR diese auf drei Ebenen beeinflusst: Informationsverarbeitung, Verhaltensmuster im Buying Center und Entscheidungssicherheit.
- Das Ergebnis passt präzise zur Forschungsfrage unserer Studie: Nicht ob AR besser aussieht als PowerPoint, sondern ob AR Unsicherheiten reduziert — bevor der Abschluss entschieden ist.
Das ist Teil vier meiner TTU-RUB-Reihe: Lina Stöhr hat in Teil 1 die technologischen Grundlagen von AR eingeordnet, Jana Kopejkina in Teil 2 den Task-Technology Fit untersucht, David Wichtmann in Teil 3 die Messlücke zwischen B2C-Metriken und B2B-Vertriebsgesprächen aufgezeigt. Donia Salih schließt den Kreis: Sie fragt, was AR im Kaufprozess konkret verändert — und für wen.
Donia Salih hat für das Projektseminar von Prof. Dr. Jens Pöppelbuß und Dr. Lisa Drees (Lehrstuhl ISSE, RUB) untersucht, wie Augmented Reality die Verarbeitung von Produktinformationen, Verhaltensmuster im B2B und die Wahrnehmung von Entscheidungssicherheit beeinflusst. Theoretische Basis: Backhaus und Voeth (2014) für organisationale Kaufprozesse, Johnston und Lewin (1996) für das Buying-Center-Modell, Javornik (2016) und Hilken et al. (2017) für AR-Wirkung.
B2B-Kaufprozesse im Maschinenbau: Warum Informationsverarbeitung der Engpass ist
Donias Ausgangspunkt ist präzise: B2B-Kaufentscheidungen sind keine Einzelentscheidungen. Sie werden in Gruppen vorbereitet — im Buying Center, also dem Entscheidungsgremium aus Initiatoren, Einkäufern, Nutzern und Entscheidern (vgl. Webster und Wind 1972). Jede dieser Rollen hat andere Informationsbedürfnisse. Und alle müssen am Ende zum selben Bild kommen.
Das ist der strukturelle Engpass: nicht fehlende Information, sondern fehlende gemeinsame Verarbeitung. Backhaus und Voeth (2014) beschreiben das als zentrales Merkmal von Industriegütermärkten — und Donia macht deutlich, dass genau hier AR ansetzen kann.
„Insbesondere bei technisch komplexen oder erklärungsbedürftigen Produkten besitzt die Verarbeitung und Bereitstellung von Informationen eine zentrale Bedeutung innerhalb organisationaler Kaufentscheidungen.” — Bunn (1993), zitiert in Salih (2026)
AR in der Vertriebskommunikation: Drei Wirkungsebenen im B2B-Kaufprozess
Donias Hausarbeit strukturiert den AR-Einfluss auf drei Ebenen — und genau diese Dreiteilung ist für unsere Studie relevant.
Ebene 1, die Informationsverarbeitung: AR ermöglicht die Kombination virtueller Inhalte mit realer Umgebung. Produkte können aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, Funktionen interaktiv nachvollzogen werden. Hilken et al. (2017) zeigen, dass insbesondere die Kombination aus Interaktivität und Visualisierung die Verarbeitung komplexer Informationen unterstützt. Für erklärungsbedürftige Produkte im Maschinenbau bedeutet das: Die Frage „Passt die Anlage in den Raum?” ist nicht mehr abstrakt — sie ist sichtbar.
Ebene 2, das Verhaltensmuster im Buying Center: AR verändert nicht nur die individuelle Wahrnehmung, sondern auch die Gruppendynamik im Kaufprozess. Durch visuelle Produktdarstellungen können Informationen in Besprechungen anschaulicher vermittelt, Diskussionen über Funktionen und Einsatzmöglichkeiten nachvollziehbarer gestaltet werden. Donia zitiert Rese et al. (2017): AR wird als hilfreich wahrgenommen, wenn es einen erkennbaren Nutzen innerhalb des Informations- und Entscheidungsprozesses bietet. Nicht als Gadget — als Werkzeug.
Ebene 3, die Entscheidungssicherheit: Donia definiert Entscheidungssicherheit als die Wahrnehmung, eine Kaufentscheidung trotz bestehender Unsicherheiten möglichst nachvollziehbar und abgesichert treffen zu können. AR kann hier Unsicherheiten reduzieren durch realitätsnahe Darstellung, durch Interaktivität, durch den wahrgenommenen Nutzen der Technologie.
„Nutzer nehmen AR-Anwendungen insbesondere dann als hilfreich wahr, wenn diese einen erkennbaren Nutzen innerhalb des Informations- und Entscheidungsprozesses besitzen.” — Rese et al. (2017), zitiert in Salih (2026)
Was das für TTU und visuelle Vertriebskommunikation bedeutet
Donias Fazit ist ehrlich und präzise: AR ist keine allgemeingültige Lösung. Der tatsächliche Einfluss hängt von der Qualität der Informationen, der Benutzerfreundlichkeit und der Akzeptanz der Technologie ab. Fehlt ein erkennbarer Nutzen, bleibt der Effekt aus.
Das ist genau die Frage, die unsere gemeinsame Studie / Sommeraufgabe von viSales und der Ruhr-Universität Bochum beantworten will, aber wegen der genauen Aufgabenstellung und des Zeitrahmens nur anreissen kann: Reduziert AR die Time-to-Understanding? Senkt es Erklärungsredundanz und Missverständnisquote? Wann genau — und bei welchem Produkt, welchem Gesprächstyp, welcher Buying-Center-Konstellation?
Danke, Donia
Ich freue mich, dass Donia Salih Teil dieser Forschungsgruppe ist. Ihre Arbeit verbindet die Buying-Center-Theorie mit der AR-Wirkungsforschung auf eine Weise, die für die Praxis unmittelbar lesbar ist. Wer im Maschinenbau-Vertrieb arbeitet, erkennt die Situationen sofort: der Raum voller Menschen mit unterschiedlichen Informationsbedürfnissen, das Produkt das sich nicht auf einem Bild erklärt, die Unsicherheit die bleibt — bis jemand es wirklich sieht.
Genau das ist der Punkt, an dem AR und TTU zusammenkommen.
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