Wie erhält man bei Wikipedia einen Eintrag? Visual-Com-Podcast Ep. 91

Wikipedia Podcast Münstercamp 2025 — Visual-Com-Podcast Ep. 91

„Wikipedia war nie geplant als Gegenentwurf zum Brockhaus. Es war eher ein Betriebsunfall — der dann einer der wichtigsten digitalen Souveränitäts-Infrastrukturen der Welt wurde.”

Live-Aufzeichnung vom Münstercamp 2025: Kai Heddergott und ich mit Arne Klempert — Wikimedia-Deutschland-Mitgründer und Berater für digitalen Wandel:

  • Wie bekommt man als Agenturchef einen Wikipedia-Eintrag — und warum ist das schwerer als gedacht?
  • Relevanzkriterien: was Wikipedia wirklich entscheidet
  • Inklusionisten vs. Exklusionisten: der Kampf um die Seele der Wikipedia
  • Wikipedia als digitale Souveränitäts-Infrastruktur im KI-Zeitalter
  • Fragen aus dem Barcamp-Publikum
Was ist der Visual-Com-Podcast?

Der Talk von Kai Heddergott und Gerhard Schröder zu visueller Unternehmenskommunikation — gelegentlich auch live von Barcamps und Konferenzen. Ep. 91 ist eine Aufzeichnung aus einer Session beim Münstercamp 2025 in Münster — nicht gestreamt, kleineres Publikum, kompakteres Format (40 Minuten).

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Worum es geht

Das Münstercamp 2025 (9. Ausgabe) ist der Rahmen für eine ungewöhnliche Podcast-Folge: keine Kamera-Setups, kein großes Livestream-Publikum — nur Kai, Gerd, Arne Klempert und vier Zuhörende in einem Barcamp-Raum.

Arne Klempert hat 2004 Wikimedia Deutschland mitgegründet und leitet bis heute die jährliche Mitgliederversammlung. Er erklärt, warum Wikipedia eigentlich ein „Betriebsunfall” war — nie als Gegenentwurf zum Brockhaus geplant, sondern als offenes Experiment, das größer wurde als jede Enzyklopädie vor ihm. Der Brockhaus hatte 360.000 Artikel in seiner Hochzeit. Wikipedia hat Millionen — ohne Platzbeschränkung.

Zentrales Thema: die Wikipedia-Relevanzkriterien. Warum bekommt jemand einen Eintrag, jemand anderes nicht? Die Antwort ist komplexer als erwartet: unabhängige Quellen, überregionale Rezeption, kein Interessenkonflikt. Gerhard fragt direkt, wie er als Agenturchef an einen Wikipedia-Eintrag kommen könnte — die ehrliche Antwort ist eine Lektion in Community-Dynamik.

Dazu: die philosophische Debatte zwischen Inklusionisten (so viel wie möglich) und Exklusionisten (lieber weniger, dafür gut) — illustriert durch den legendären Edit-War über „Ziegenpeter”. Und der größere Kontext: Was bedeutet Wikipedia im Zeitalter von KI-Sprachmodellen, die auf Wikipedia-Daten trainiert wurden? Als eine der wenigen großen nicht-kommerziellen Wissensplattformen ist Wikipedia eine seltene Form digitaler Souveränität.

Kapitel

  • 0:00 — Intro: Münstercamp, Session-Format, technischer Neustart
  • 1:01 — Arne Klempert stellt sich vor: Wikimedia-Mitgründer, Berater
  • 2:31 — Wikipedia als Betriebsunfall: wie es wirklich entstand
  • 13:46 — Relevanzkriterien: was reicht für einen Eintrag?
  • 20:07 — Inklusionisten vs. Exklusionisten: der Ziegenpeter-Edit-War
  • 28:00 — Fragen aus dem Publikum: Resilienz und Informationsflut
  • 40:11 — Gerhard fragt: wie komme ich an meinen Eintrag?

Erwähnt

Typische Fragen

Nach welchen Kriterien entscheidet Wikipedia, ob jemand einen Eintrag bekommt?

Wikipedia prüft vor allem: überregionale Bekanntheit durch unabhängige Quellen, nachweisbare Rezeption in Medien oder Fachliteratur, kein Interessenkonflikt. Selbstdarstellungen und Pressemitteilungen reichen nicht. Der entscheidende Test laut Arne Klempert: Gibt es seriöse Quellen, die über die Person schreiben — ohne dass die Person selbst die Veröffentlichung veranlasst hat?

Welche Rolle spielt Wikipedia im Zeitalter von KI und digitaler Souveränität?

Wikipedia ist eine der wenigen großen Wissensplattformen, die nicht von einem Technologiekonzern kontrolliert wird — gemeinnützig, transparent durch Versionsgeschichte und Diskussionsseiten. Viele große Sprachmodelle wurden auf Wikipedia-Daten trainiert. Arne Klempert und die Podcast-Runde diskutieren: Wer digitale Souveränität will, braucht offene, nicht-kommerzielle Wissensquellen als Gegengewicht zum Big-Tech-Ökosystem.

Was ist das Besondere an dieser Folge als Barcamp-Aufzeichnung?

Ep. 91 wurde live beim Münstercamp 2025 aufgezeichnet — nicht gestreamt, kleines Publikum (vier Zuhörende plus Gast), kompakteres Format als die regulären Live-Talks. Arne Klempert, Mitgründer von Wikimedia Deutschland 2004, war spontaner Gast. Das Format zeigt eine andere Seite des Podcasts: weniger Studioatmosphäre, mehr offenes Gespräch mit Fragen aus dem Raum.

Transkript (KI-bereinigt)

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Visual.com, dem Podcast Live-Talk — von und mit Kai Heddergott und Gerhard Schröder. Wir haben einen spezialgelagerten Sonderfall. Wir müssen ein bisschen schneller reden, wir müssen Zeit aufholen — ihr erfahrt auch gleich zum Ende, warum.

Wir haben heute ein spezialgelagertes Sonderthema. Wir haben vor zwei Jahren über das Thema Anfänge des Internets gesprochen, als Suchmaschinen begonnen haben, in der heutigen Form zu existieren. Wir hatten damals schon gesprochen über die Zeit, als es noch gebundene Bücher mit Wissen gab als Abo-Auflage. Wir kommen heutzutage irgendwie auf dieses Thema zurück. Kai, wie komme ich auf diesen Punkt?

Wir sind hier heute beim Münstercamp. Das ist eine Session, die wir hier live aufzeichnen, aber eben nicht live streamen. Das Münstercamp ist das Barcamp in Münster, neunte Ausgabe. Wir haben verschiedene Gäste im Raum sitzen: vier Zuhörende und einen Gast.

Wir wollen ein bisschen darüber sprechen: digitale Souveränität ist im Zeitalter von KI ein Thema. In der Zeit, wo wir darüber sprechen, sind wir dann so schlau aufgestellt, uns abhängig zu halten von amerikanischen Digitalunternehmen? Gibt es da andere Ansätze?

Mit Arne Klempert begrüßen wir jemanden, der 2004 Wikimedia Deutschland mitgegründet hat und der Verein erfreut sich bester Gesundheit. Arne leitet die jährliche Mitgliederversammlung.

Wikipedia als Betriebsunfall

Ich bin Berater für digitalen Wandel und Kommunikation. Was mich vordringlich hierher bringt, ist mein Hobby, das zeitweise auch mein Beruf war: Wikipedia. Ich habe 2004 Wikimedia Deutschland mitgegründet.

War das der Kern, das Ganze so aufzusetzen, digital souverän zu sein? — Ich glaube, es war gar kein Gegenentwurf. Es war nie Ziel der Wikipedia, dem Brockhaus zu schaden. Ich bin bis heute Microsoft Encarta sehr dankbar, weil irgendwann sagten die Kollegen vom Brockhaus: mit dem Erscheinen der Encarta wurde ihnen bewusst, dass ihr Geschäftsmodell — Wissen auf tote Bäume in Buchdeckel drucken und verkaufen — wohl oder übel am Ende sein würde. Aber um die Frage der Unabhängigkeit und digitalen Souveränität zu beantworten: auch das war nie geplant, weil Wikipedia an sich gar nicht geplant war. Es war eher ein Betriebsunfall.

Relevanzkriterien: wer bekommt einen Eintrag?

Der Brockhaus hatte 360.000 Artikel in seiner Hochzeit. Nicht von der kleinen Taschenbuchausgabe, sondern von den eineinhalb Metern mit Goldschnitt, die man für 1.500 Mark vom freundlichen Brockhaus-Vertreter abgekauft hat — nicht etwa, um es zu lesen, sondern um als gehobenes Bildungsbürgertum den Besuchern zu signalisieren, dass man es sich leisten kann. Im Gelsenkirchener Barock.

Wikipedia hat keine Platzbeschränkung. Das war immer das Argument der Inklusionisten innerhalb der Wikipedia-Community: wir haben doch eben keine Beschränkung, also können wir alles aufnehmen. Die Exklusionisten dagegen: lieber weniger, dafür gut belegt und gepflegt.

Und da kommen wir zum Themenkomplex der Relevanz: wann ist etwas wichtig genug für einen Enzyklopädie-Artikel? Legendär ist ein Edit-War aus der Frühzeit der Wikipedia, wo es darum ging, ob der Artikel „Ziegenpeter” jetzt eine Weiterleitung auf die Krankheit Mumps sein sollte oder eine Begriffsklärungsseite, die sagt, dass Ziegenpeter entweder für Mumps steht oder für die Figur des Geißenpeters aus der Fernsehserie Heidi. Und darüber haben sich erwachsene Menschen tatsächlich wochenlang virtuell die Schädel eingeschlagen.

Wikipedia im KI-Zeitalter und digitale Souveränität

Wikipedia ist eine der wenigen großen Wissensplattformen, die nicht von einem Technologiekonzern kontrolliert wird. Sie ist gemeinnützig, transparent durch Versionsgeschichte und Diskussionsseiten, und in ihrer Struktur offen. Im KI-Kontext ist das relevant: viele große Sprachmodelle wurden auf Wikipedia-Daten trainiert. Wer digitale Souveränität will, braucht offene, nicht-kommerzielle Wissensquellen — Wikipedia ist eines der wenigen Gegenbeispiele zum Big-Tech-Ökosystem.

Es ist eine konsensuale Plattform, um in widersprüchlichen Zeiten irgendwie eine Orientierung zu finden. Oder halt eine, die den Widerspruch transparent nach außen kehrt. Das Thema Evolution von den Kreationisten abgelehnt wird — ist halt dann eine Fußnote im Artikel über Evolution. Der Kampf darum, welches Argument als bevorzugt dargestellt wird: das ist ein fortwährender. Und Wikipedianer können das auch für scheinbar nebensächliche Themen mit hoher Emotionalität tun.

Gerhard fragt: wie komme ich an meinen Eintrag?

Am Ende der Session fragt Gerhard direkt, wie er als Agenturchef an einen Wikipedia-Eintrag kommen könnte. Die ehrliche Antwort von Arne: Relevanz lässt sich nicht kaufen oder erzwingen. Unabhängige Quellen, überregionale Rezeption, kein Interessenkonflikt. Ein selbst angelegter Artikel wird schnell zur Löschung vorgeschlagen. Der bessere Weg: Medienerwähnungen aufbauen, Fachbeiträge veröffentlichen — und dann abwarten oder jemand anderen bitten.

Bis zum nächsten Mal.

Häufige Fragen

Nach welchen Kriterien entscheidet Wikipedia, ob jemand einen Eintrag bekommt?

Wikipedia hat explizite Relevanzkriterien, die je nach Bereich unterschiedlich sind. Für Personen gilt grob: überregionale Bekanntheit durch unabhängige Quellen, nachweisbare Rezeption in Medien oder Fachliteratur. Nicht ausreichend sind Selbstdarstellungen, Pressemitteilungen oder rein lokale Bekanntheit. Der wichtigste Test: Gibt es unabhängige, seriöse Quellen, die über die Person schreiben — ohne dass die Person selbst die Veröffentlichung veranlasst hat?

Kann ich als Agenturchef selbst einen Wikipedia-Artikel über mich anlegen?

Technisch ja, aber die Chancen sind schlecht. Wikipedia-Autoren sind misstrauisch gegenüber Interessenkonflikten und Eigenwerbung. Ein selbst angelegter Artikel über die eigene Person oder das eigene Unternehmen wird oft schnell zur Löschung vorgeschlagen. Der bessere Weg: Relevanz aufbauen durch Medienerwähnungen, Fachbeiträge und Zitierungen — und dann jemand anderen bitten, den Artikel zu schreiben, oder abwarten, bis die Community es tut.

Was ist der Unterschied zwischen Inklusionisten und Exklusionisten bei Wikipedia?

Inklusionisten wollen Wikipedia so umfassend wie möglich machen — kein Platzmangel, also auch Artikel über Nischenthemen. Exklusionisten betonen Qualität und Relevanz: lieber weniger, dafür gut belegte und gepflegte Artikel. In der Praxis regeln die Relevanzkriterien den Kompromiss, aber die Community-Diskussionen darüber sind teils hochgradig emotional — legendär ist ein Edit-War darüber, ob 'Ziegenpeter' auf Mumps oder auf die Heidi-Figur Geißenpeter weiterleitet.

Welche Rolle spielt Wikipedia im Zeitalter von KI und digitaler Souveränität?

Wikipedia ist eine der wenigen großen Wissensplattformen, die nicht von einem Technologiekonzern kontrolliert wird. Sie ist gemeinnützig, transparent (Versionsgeschichte, Diskussionsseiten) und in ihrer Struktur offen. Im KI-Kontext ist das relevant: viele große Sprachmodelle wurden auf Wikipedia-Daten trainiert. Wer digitale Souveränität will, braucht offene, nicht-kommerzielle Wissensquellen — Wikipedia ist eines der wenigen Gegenbeispiele zum Big-Tech-Ökosystem.

Was ist das Münstercamp und wie unterscheidet sich diese Folge vom normalen Format?

Das Münstercamp ist das Barcamp in Münster — eine offene Konferenz, bei der Teilnehmer spontan Sessions anbieten. Ep. 91 ist eine Live-Aufzeichnung aus einer dieser Sessions, nicht gestreamt sondern nur aufgezeichnet. Das Publikum ist klein (vier Zuhörende plus Gast), die Moderation kompakter. Ein technischer Fauxpas zu Beginn führt zu einem Neustart — was im Transkript erwähnt wird.