Die Vorgeschichte zu OpenUSD

Die Vorgeschichte zu OpenUSD
Baum-Bild via ChatGPT. Rest via einer wundervollen GrafikerIn aus meinem Team.

OpenUSD wird häufig als weiteres 3D-Format eingeordnet. Genau das ist der Denkfehler. Das eigentliche Problem heutiger 3D-Workflows liegt nicht in Rendering, Performance oder Tools, sondern in der fragmentierten Nutzung derselben CAD-Daten. Für Website, Video, AR, Präsentation oder Simulation werden Inhalte immer wieder neu aufbereitet – mit steigenden Kosten und inkonsistenten Ergebnissen. OpenUSD ist deshalb nicht primär technologisch interessant, sondern strategisch: als gemeinsame Datenstruktur, die diesen permanenten Neubau erstmals überflüssig macht.

Die folgenden Zeilen ordnen OpenUSD jenseits des operativen Alltags ein.
Sie zeigen, warum der Standard entstanden ist, wie er sich entwickelt hat und welche Rolle große Industrieakteure dabei spielen. Wer den strategischen Hintergrund verstehen möchte, findet hier die Zusammenhänge.

Von Pixar zu OpenUSD:
die historische Entwicklung

USD -später OpenUSD- wurde 2015 von Pixar erstmals öffentlich vorgestellt und 2016 als Open-Source-Projekt freigegeben. Ziel war es, komplexe Filmszenen über viele Abteilungen hinweg konsistent zu organisieren und weiterzuentwickeln.

Von Beginn an unterstützte Apple diesen Ansatz und brachte eigene Erweiterungen in das Projekt ein. Google entschied sich hingegen gegen USD und setzte stattdessen auf das alternative Format glTF der Khronos Group.

NVIDIA begann früh, USD in eine eigene Richtung weiterzuentwickeln und schuf mit Omniverse eine Plattform, die USD stark pipeline- und skriptorientiert nutzt. Diese Erweiterungen waren nicht immer deckungsgleich mit den Vorstellungen von Pixar oder Apple.

So entstanden über die Jahre drei unterschiedliche Ansätze rund um USD.

Industriegeschichte hinter OpenUSD & USDZ

In einem rund 30-minütigen Vortrag wird die Entstehung von OpenUSD und USDZ im industriepolitischen Kontext eingeordnet – von den Ursprüngen bei Pixar über die Rolle von Apple und NVIDIA bis zur Entscheidung des Metaverse Standards Forum, USDZ als Masterformat zu nutzen.

Der Vortrag richtet sich an alle, die den größeren Zusammenhang verstehen möchten: Warum offene 3D-Standards heute strategisch relevant sind, weshalb der Metaverse-Hype an Sichtbarkeit verlor, warum die zugrunde liegenden Standardentscheidungen dennoch weiterwirken und die AR-Story von Apple.

Die OpenUSD-Story (ca. 30 Min)

Metaverse Standards Forum & OpenUSD / USDZ

Mit dem Aufkommen des Metaverse-Diskurses ab etwa 2021 entstand das Metaverse Standards Forum als branchenübergreifende Initiative. Ziel war es, Grundlagen für interoperable 3D-Inhalte, virtuelle Umgebungen und digitale Güter zu definieren – jenseits einzelner Plattformen oder Anbieter.

Relativ früh legte das Forum dabei eine zentrale technische Leitlinie fest: USDZ sollte als primäres Master-Distribution-/Austauschformat dienen. Andere Formate – etwa glTF bzw. GLB – sollten, wo erforderlich, aus dieser USDZ-Basis abgeleitet werden.

Diese Entscheidung ist bemerkenswert, da sie einen gemeinsamen Nenner zwischen sehr unterschiedlichen Akteuren schuf. Selbst Unternehmen wie Google, die zuvor klar auf glTF gesetzt hatten, akzeptierten damit USDZ als übergeordnetes Austausch- und Masterformat innerhalb des Forums.

Damit wurde USDZ faktisch zur strukturellen Basis dieser Metaverse-Organisation – nicht als Marketingformat, sondern als technisch geeignetes Distributions- und Austauschformat auf Grundlage von OpenUSD.

Parallel dazu entwickelte sich OpenUSD unabhängig vom Metaverse-Narrativ weiter. Während das Forum versuchte, Nutzungsszenarien und Interoperabilität auf Anwendungsebene zu diskutieren, blieb OpenUSD bewusst auf der Fundament-Ebene: Struktur, Referenzierung und langfristige Nutzbarkeit von 3D-Daten.

Rückblickend zeigt sich: Der Metaverse-Diskurs mag an Sichtbarkeit verloren haben – die dabei getroffenen Standardentscheidungen wirken jedoch weiter. Die Wahl von USDZ als Masterformat unterstreicht, warum OpenUSD-basierte Formate heute eine zentrale Rolle in industrieübergreifenden 3D-Strategien spielen.

AOUSD: Ausweg aus dem
OpenUSD-Format-Wirrwarr

Diese Fragmentierung der drei Wege (Pixar, Apple & NVIDIA) führte 2023 zur Gründung der Alliance for OpenUSD (AOUSD). Im Zuge dessen wurde USD offiziell in OpenUSD umbenannt – auch, um Verwechslungen mit der Abkürzung für den US-Dollar zu vermeiden.

Mit der AOUSD wurden die Rechte von Pixar abgegeben und in die Verantwortung der Linux Foundation überführt. Damit wurde die Grundlage für die Neutralität von OpenUSD als branchenübergreifendem Standard geschaffen.

Die AOUSD wurde gegründet, um OpenUSD vollständig von einzelnen Unternehmensinteressen zu lösen und einen gemeinsamen Ausweg aus konkurrierenden Format- und Plattformansätzen zu schaffen.

2023 wurde ein mehrjähriger Vereinheitlichungsplan aufgesetzt. Am 17.12.2025 wurde die Core-Spezifikation 1.0 veröffentlicht. Eine zentrale Aufgabe der AOUSD ist es, diese Spezifikation zu einem IEEE-Standard weiterzuführen. Der entsprechende Prozess soll 2026 abgeschlossen werden.

Parallel dazu werden innerhalb der AOUSD bereits weitere Erweiterungen diskutiert. Dazu zählen unter anderem:

  • das dynamische Nachladen von USD-Inhalten,
  • BIM-Integration,
  • sowie Gaussian Splats als mögliche Bestandteile zukünftiger Core-Versionen (1.x).

Der AOUSD gehören heute zahlreiche Industrieunternehmen weltweit an, darunter SiemensBMWMercedes‑Benz, viele internationale 3D-Softwareanbieter – und bereits früh auch die Agentur viSales aus Bochum.

→ Vortrags-Mitschnitt: Die AOUSD-Roadmap (ca. 35 Min.)

Microsoft, Google & OpenUSD:
Strategischer Kurswechsel

Über fast ein Jahrzehnt hinweg setzten Microsoft und Google konsequent auf glTF (*.glb) als deren alternativen 3D-Standard. glTF erfüllte einen klaren Zweck: effiziente Auslieferung von 3D-Inhalten vor allem für Webseiten mit kleinen 3D-Elementen und Browser-AR-Lösungen auf Android-Smartphones. Für viele Unternehmensanwendungen blieb jedoch eine Lücke.

glTF ist auf (mobile) Darstellung optimiert, nicht auf strukturierte Weiterverarbeitung, Versionierung oder paralleles Arbeiten an komplexen 3D-Daten. Eine nahtlose Integration von 3D-Inhalten in alltägliche Arbeitsumgebungen – etwa Präsentationen, Dokumente oder Kollaborationstools – war damit nur eingeschränkt möglich. Gerade im Büroalltag vieler Unternehmen fehlte damit eine Brücke zwischen 3D-Daten und klassischen Produktivitätswerkzeugen.

2025: Beitritt zur AOUSD und
Öffnung Richtung OpenUSD

Im Jahr 2025 vollzogen Microsoft und Google einen bemerkenswerten Schritt: Beide Unternehmen traten der Alliance for OpenUSD (AOUSD) bei und kündigten an, OpenUSD in ihren Systemen zu unterstützen. Dieser Schritt ist weniger technisch als strategisch zu verstehen.

OpenUSD adressiert genau die Punkte, die glTF bewusst offen lässt:

  • strukturierte, versionierbare 3D-Daten
  • paralleles Arbeiten mehrerer Teams
  • Wiederverwendbarkeit über unterschiedliche Kontexte hinweg

Persönliche Einschätzung von Gerhard Schröder,
Geschäftsführer vom viSales:

"Über viele Jahre hinweg setzte Google konsequent auf den glTF-Anwendungsfall „AR im Browser“. Das war – und ist – ein klarer E-Commerce-Use Case: niedrigschwelliger Zugang, keine App-Installation, plattformübergreifend nutzbar. Ein sinnvoller und gut begründeter Ansatz.

Parallel dazu verfolgte Apple eine andere Strategie. Während Google AR primär über den Browser (Chrome) und damit bewusst betriebssystemunabhängig dachte, integrierte Apple AR tief in das Betriebssystem iOS. Auch das ist ein konsistenter Ansatz – mit dem Fokus auf Systemintegration statt maximaler Reichweite.

Beide Wege hatten ihre Berechtigung.

Dass Google und Microsoft nun dennoch den OpenUSD-Weg mitgehen, lässt sich als Signal lesen, dass sich die Industrie zunehmend auf eine gemeinsame strukturelle Basis für 3D-Daten verständigt – jenseits einzelner Ausspielkanäle wie Browser oder App.

Welche Auswirkungen dieser Strategiewechsel auf das gerade entstehende Android-XR-Ökosystem von Google haben wird, ist derzeit offen. Klar ist jedoch: OpenUSD verschiebt den Fokus weg vom einzelnen Ausgabekanal hin zu einer gemeinsamen, langfristig nutzbaren Datenstruktur.

Und genau darin liegt aus meiner Sicht die strategische Bedeutung für Unternehmen!"

Solange OpenUSD als weiteres Austauschformat behandelt wird, bleibt sein Nutzen begrenzt. Sein eigentlicher Wert liegt nicht im Export, sondern darin, 3D wie ein strategisches Medium zu behandeln – mit einer verantworteten Masterdatei statt paralleler Einzelversionen.

Dieser Text entstand im Rahmen meiner Vorbereitungen für eine Seite zum Thema "OpenUSD für Entscheider" und wird in Zukunft auf der neuen Seite unter "Weitere Infos" als Longread angeboten werden.

Wer mehr zu meinen (nicht so technischen Gedanken) zum Thema "Visuelles im Sales" erfahren möchte, der sollte meinen monatlichen Newsletter "Visual Sales" abonnieren.

Nächste Woche gibt es dort die offizielle Ausgabe 1/26.

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OpenUSD im Maschinenbau: Wie Unternehmen CAD-Daten mehrfach nutzen statt mehrfach bezahlen

OpenUSD im Maschinenbau: Wie Unternehmen CAD-Daten mehrfach nutzen statt mehrfach bezahlen

* Der größte Kostenfaktor in 3D-Projekten ist nicht die Visualisierung, sondern die wiederholte Aufbereitung derselben CAD-Daten. * OpenUSD entfaltet seinen Nutzen nicht als weiteres Format, sondern als gemeinsamer Ausgangspunkt für unterschiedliche Anwendungen im Vertrieb und Marketing. * Was einmal strukturiert angelegt ist, kann mehrfach genutzt werden – ohne jedes Mal neu bezahlt zu werden

By Gerhard Schröder