Habitat: Die erste Welt, die ihre Bewohner selbst regierten
Es gibt einen Moment in der Internetgeschichte, der selten erzählt wird, weil er zu früh passiert ist, um bemerkt zu werden.
1986: Das World Wide Web existiert noch nicht. Mosaic noch nicht. Google erst recht nicht. Und doch entsteht auf dem Commodore 64, über Modem, über Telefonleitung, über einen kommerziellen Paketvermittlungsdienst, die erste grafische Welt, in der sich Menschen als Avatare begegnen, miteinander sprechen, handeln, betrügen, und irgendwann anfangen, eigene Gesetze zu schreiben.
Habitat heißt dieses Ding. Entwickelt von Randy Farmer und Chip Morningstar bei LucasFilm Games. Betrieben von Quantum Link, dem Dienst, der später zu AOL werden wird.
AOL ist heute vor allem für seine CD-ROMs bekannt, die in den Neunzigern tonnenweise in Briefkästen landeten. Aber vor dem offenen Internet war AOL für viele das ganze Netz: ein proprietäres, geschlossenes System mit eigenen Chaträumen, eigenen Foren, eigenem Messenger. Die erste Massenkultur des digitalen Austauschs fand nicht im Web statt — sondern in diesem Walled Garden.
Und das erste Chatsystem für die breite Masse? Das war Habitat.
Was die Entwickler dabei erlebten, hätte jeden Plattformbetreiber von heute beschäftigen sollen: Sie hatten eine Welt gebaut und die Bewohner übernahmen sie. Nicht im Sinne von Chaos, sondern echter Selbstverwaltung. Es gab Diebstahl, also entstanden Gesetze. Es gab Konflikte, also entstanden Schlichter. Es gab eine Kirche. Und eine Zeitung.
Manager Magazin schrieb darüber als über das erste MMO der Welt — aber das trifft es nur halb. Habitat war weniger Spiel als Experiment: Was passiert, wenn man Menschen einen gemeinsamen Raum gibt und dann aus dem Weg geht?
Die Antwort war: Sie bauen sich eine Gesellschaft.
Farmer und Morningstar haben das später in einem viel zitierten Paper beschrieben. Ihr Fazit war ernüchternd und weise zugleich: Man kann eine Welt designen — aber nicht die Kultur, die darin entsteht. Die kommt von den Menschen. Oder gar nicht.
Ich habe das damals nicht erlebt. Ich spielte auf einem Atari 800XL, kein Modem, kein Netz, keine Ahnung, dass irgendwo auf Commodore-64-Bildschirmen gerade die erste digitale Gesellschaft entstand. Internet zuhause kam bei uns viel später. Mein erstes MMO war Meridian 59, 1996, 3D-Grafik, persistente Welt, und eine Telefonrechnung, die meine Eltern bis heute nicht vergessen haben.
Dass Spieler sich schon zehn Jahre früher in Habitat selbst reguliert hatten — mit Gesetzen, Schlichtern, sogar einer Kirche — hatte ich keine Ahnung. Ultima Online -kurz nach M59 gespielt- galt damals für mich als die Pionier-Welt, die das zum ersten Mal ausprobiert hatte. Das stimmte nicht. Aber Habitat lief auf AOL — wer nie dort war, hat es schlicht nie gesehen.
2017, 31 Jahre nach dem Start, hat das Museum of Art and Digital Entertainment (MADE) Habitat unter dem Namen NeoHabitat wieder zum Leben erweckt. Vier Jahre Arbeit, um etwas spielbar zu machen, das eigentlich nie für die Ewigkeit gebaut wurde.
Ich finde das bewegend. Nicht nostalgisch — sondern weil es zeigt, dass die Idee eines souveränen, dezentralen Raums im Netz nicht neu ist. Sie war schon da, bevor das Web da war. Auf einem Rechner mit 64 Kilobyte RAM.
Randnotiz: Aus LucasArts & ILM entstand erstaunlich viel
LucasArts und Industrial Light & Magic (ILM) waren nicht nur Filmstudio und Spieleschmiede, sie waren eine Art Technologie-Inkubator, der die digitale Welt stärker geprägt hat als oft bewusst ist.
Aus ILM entstand Pixar — ursprünglich als Graphics Group die Computergrafik-Abteilung von Lucasfilm, 1986 von Steve Jobs gekauft. Und aus Pixar entstand, Jahrzehnte später, OpenUSD — das offene 3D-Dateiformat, das heute das Rückgrat unserer Arbeit bei viSales ist.
Aus ILM entstand außerdem der Werkzeugkasten, aus dem Photoshop hervorging: Thomas Knoll schrieb den ersten Code auf einem Mac, sein Bruder John arbeitete bei ILM — die Verbindung war direkt. Industrial Light & Magic war der erste kommerzielle Kunde. Aus dieser Zusammenarbeit wurde Adobe Photoshop.
Habitat ist also kein Ausreißer — es ist symptomatisch: LucasFilm dachte in den Achtzigern Dinge zu Ende, die der Rest der Welt noch nicht mal angefangen hatte zu denken.
Das ist die lose Reihe, in der auch Xanadu und das Docuverse: Das Web, das wir nicht gebaut haben seinen Platz hat: Streiflichter auf das Internet, das wir hätten bauen können. Oder das wir — an manchen Stellen — tatsächlich kurz gebaut haben.
Auf Habitat bin ich gestoßen über den US-Podcast The Soundtrack Show von David W. Collins — in der aktuellen Folge über die Musik von Star Wars Episode I. Wer Filmmusik mag: hörenswert.
Nächster Teil: HyperCard.
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